Wer heute Nachrichten gesehen/gelesen/gehört hat, der ist wohl nicht um die frohe Meldung des Tages herum gekommen:
Deutschland wird 2006 die EU-Defizitgrenze von 3% des Bruttoinlandsproduktes (BIP) klar unterschreiten.
Und zwar beträgt die Neuverschuldung dieses Jahr 2,6% vom BIP, da wird gerade überall in den höchsten Tönen frohlockt.
Aber was dabei wohl gerne übersehen wird ist, daß ja nur die Neuverschuldung reduziert wurde, nicht die Schulden, die sind gewachsen, aber eben nicht mehr so stark wie sonst.
Und wenn man jetzt mal annimmt, daß das BIP konstant bleibt, was ja nicht der Fall ist, die Wirtschaft wächst ja ein wenig und dieses "Rekordjahr" mit "nur" 2,6% Neuverschuldung als konstant annimmt, dann kommt man schnell darauf, daß sich bei diesem Schuldenwachstum die Gesamtverschuldung alle 27 Jahre verdoppelt. (Schuldenstand 2005: ca. 1,52 Billionen Euro)
Ich bin ja keiner von diesen notorischen Nörglern ;-) und ich behaupte auch nicht, daß ich irgendwas besser könnte, aber wenn ein Unternehmen regelmäßig solch eine Bilanz aufweisen würde, dann sollte man es schleunigst schließen bevor noch mehr Schaden angerichtet wird...
Seit dem 29.6.2006 ist das „Gesetz über die deutsche Nationalbibliothek“ in seiner jetzigen Fasssung gültig.
Für alle, die dieses Gesetz noch nicht kennen, und das dürften wohl die meisten sein:
Dieses Gesetz regelt die Aufgabe der deutschen Nationalbibliothek, Medienwerke in Deutschland und deutschsprachige Medienwerke aus dem Ausland u.A. „[...] im Original zu sammeln, zu inventarisieren, zu erschließen und bibliografisch zu verzeichnen, auf Dauer zu sichern und für die Allgemeinheit nutzbar zu machen [...]“
Das ist eine feine Sache, weil so gesichert wird, daß kein Medienwerk in Vergessenheit geraten kann und für immer in einem Zentralarchiv einsehbar ist.
Seit der neuen Fassung sind davon auch Medienwerke in unkörperlicher Form betroffen, damit sind Internetinhalte gemeint.
In einem ersten Schritt sollen alle Onlinepublikationen erfasst werden, die eine Entsprechung im Printbereich haben, also Nachrichtenseiten, wissenschaftlich Arbeiten und so weiter.
Im zweiten Schritt sollen Foren und Blogs erfaßt werden und im dritten Schritt der ganze Rest des deutschen Internets.
Dabei unterliegen die Inhalte einer Ablieferungspflicht:
„Die Ablieferungspflichtigen haben die Medienwerke vollständig, in einwandfreiem, nicht befristet benutzbarem Zustand und zur dauerhaften Archivierung durch die Bibliothek geeignet unentgeltlich und auf eigene Kosten binnen einer Woche seit Beginn der Verbreitung oder der öffentlichen Zugänglichmachung an die Bibliothek oder der von dieser benannten Stelle abzuliefern.“
In welcher Form die Inhalte abzuliefern sind steht aber noch nicht fest
Im Paragraph 19 ist dann auch gleich geregelt, was bei Nichtbeachtung passiert:
„Die Ordnungswidrigkeit kann mit einer Geldbuße bis zu zehntausend Euro geahndet werden.“
Dazu Stephan Jockel von der deutschen Nationalbibliothek:
„Nicht nur Online-Medien sind Veröffentlichungen. Auch eine private Homepage ist eine Publikation, ob mit Passwort geschützt oder nicht. Sie gehört genauso wie Weblogs und Foren zum kulturellen und geistigen Schaffen unserer Gesellschaft. Eine Pflichtablieferungsverordnung wird den Sammelauftrag noch einmal konkretisieren.“
Es sollen also auch passwortgeschützte Bereiche gesammelt und archiviert werden. Und in Paragraph 4 ist geregelt, wer darauf Zugriff haben soll:
“Die Bestände der Bibliothek stehen der Allgemeinheit [...] zur Verfügung [...]“
Und weiter: „Die Benutzung der Bestände und die Inanspruchnahme der Dienstleistungen der Bibliothek sind grundsätzlich kostenpflichtig“
Auf gut deutsch: wer es sich leisten kann, diesen Dienst in Anspruch zu nehmen, der kann sich auch die internen/passwortgeschützten Bereiche der Konkurrenz ansehen... Damit tun sich für die Wirtschaftsspionage ganz neue Dimensionen auf.
Man kann also eigentlich nur froh sein, daß mit dem geplanten Budget von knapp 2 Millionen Euro und 21-28 Mitarbeitern dieses Vorhaben wohl zum Scheitern verurteilt ist. Andererseits, wenn so etwas mal beschlossen wurde, dann wird eher das Budget ordentlich aufgestockt bevor man zugeben muß, daß man etwas beschlossen hat, was sich so nicht umsetzen läßt.
Kurze Überschlagsrechnung:
Wieviele Internetseiten gibt es in Deutschland?
Sucht man bei Google nach „www“ mit der Option „Seiten aus Deutschland“ erhält man 554000000 Treffer, das ist ein grober Anhaltspunkt aber Subdomains werden so nicht unbedingt erfasst.
Die Suche nach einem Allerweltswort wie „und“ ergibt derzeit schon 842000000 Treffer (aus Deutschland). Das sind Seiten, keine Domains, um Mißverständnissen vorzubeugen.
Geht man nun von einer durchschnittlichen Seitengröße von 50 kB aus, was mehr als realistisch erscheint, wenn man bedenkt, daß auch Bilder, Musik, Videos und alle sonstigen Inhalte mitgespeichert werden sollen und Google ja viele Seiten gar nicht kennt, weil sie eben passwortgeschützt sind, dann kommt man schon auf knapp 40 Terabyte, die benötigt werden, um das deutsche Internet zu speichern!
Wenn man nun bedenkt, daß es nicht einfach mit der Speicherung getan ist, weil Speichermedien auch mal kaputt gehen können und der Inhalt so dauerhaft verloren gehen würde, dann sollte man solch ein System redundant aufbauen, also alles mindestens 2 mal speichern, um im Falle eines Falles noch eine Kopie zu besitzen.
Macht also Pi mal Daumen schon 80 TB Daten.
Zu beachten ist, daß herkömmliche Festplatten nicht unbedingt das Mittel der Wahl sein dürften, wenn man den ehrgeizigen Plan verfolgt, „Medienwerke zukünftigen Generationen zu erhalten“ und mit einer durchschnittlichen Lebensdauer von ca 4-6 Jahren zu rechnen ist. Man muß also von haltbareren und somit teureren Speichermedien ausgehen. Langzeitarchivierungsfestplatten mit einer Lebensdauer von maximal 30 Jahren kosten ca 10000 Euro pro TB. Die werden vielleicht auch nicht unbedingt optimal sein, sind aber wohl ein guter Anhaltspunkt für den Preis für Langzeitspeicher.
Nun zu diesem Satz über die Ablieferungsfrist:
Medienwerke sind „[...]binnen einer Woche seit Beginn der Verbreitung oder der öffentlichen Zugänglichmachung an die Bibliothek oder der von dieser benannten Stelle abzuliefern.“
Das läuft also darauf hinaus, daß jede Woche eine aktuelle Version abgeliefert wird, wenn sich etwas geändert hat. Nehmen wir nun an, daß sich Woche für Woche 0,5-1% aller Inhalte ändern bzw neue Inhalte hinzukommen, was auch realistisch erscheint, wenn man bedenkt welchen Anteil dynamische Inhalte stellen und daß nach ein paar Jahren auch die ersten Datenträger ersetzt werden müssen, weil sie ganz einfach kaputt gehen (trotz längerer Haltbarkeit) , dann ergibt sich für die ersten sieben Jahre ungefähr diese Kostenkurve nur für die Festplatten:

Dazu kommen die Kosten für die Angestellten und vor allem die Infrastruktur, die Daten sollen ja nicht nur archiviert sondern auch einsehbar sein.
Aber ich werd mir jetzt ordentlich Geld leihen und mich mit Aktien von Festplattenherstellern eindecken, da kann ich gar nicht verlieren!
Quellen:
Hannoversche Allgemeine Zeitung




